Die Weltbevölkerung wird älter

Die Weltbevölkerung wird älter

New York Times – 1 | New York Times – 2 | FAZ
Die Weltbevölkerung wird älter und Deutschland altert schneller als andere Länder. Es hat weniger Neugeborene in Relation zu seiner Bevölkerung als jedes andere entwickelte Land der Welt außer Japan (Hans-Werner Sinn, Land ohne Kinder, 2014).

Die Ursache für das hohe und weiter zunehmende Durchschnittsalter der Deutschen Bevölkerung ist nicht eine besonders hohe Lebenserwartung (die, im internationalen Vergleich nicht auffällig hoch ist, UN 2013), sondern eine niedrige Fertilitätsrate. Deswegen wird es nach aktuellen Prognose 2050 nur noch knapp 70 Millionen Deutsche geben, im Vergleich zu den jetzt 82 Millionen hier lebenden Menschen. Der Anteil der über-80-Jährigen wird sich bis zum Jahr 2050 mehr als verdoppeln auf 11% erreichen. Das bedeutet, dass Leistungserbringer im Gesundheitswesen ca. 8 Millionen Hochbetagte behandeln werden müssen.

Das Altern ist nicht nur der Hauptrisikofaktor für Demenz, sondern auch für Multimorbidität (Angleman et al., 2015), Polypharmazie (Sköldunger et al., 2015;), Verlust von Selbsthilfe bei Alltagsaktivitäten und für Pflegebedürftigkeit (Santoni et al., 2015). Ältere und geriatrische Patienten leiden an multiplen chronischen Krankheiten., die in den meisten Fällen Ursache sind für chronische Schmerzen und Pflegebedürftigkeit. Ältere Patienten weisen zudem altersphysiologisch bedingte pharmakologische Besonderheiten auf. Kommunikationsbarrieren zwischen Arzt und Patient treten besonders im Zusammenhang mit Demenzerkrankungen auf. Die älteren Patienten mit Gedächtnisstörungen weisen eine hohe Vulnerabilität auf und sind auf eine umfassende Betreuung angewiesen (Polidori, 2014). Diese muss zügig eingeleitet werden: altersphysiologische Veränderungen führen zu einer eingeschränkten Leistungsreserve und der alternde Organismus wird instabil. Verlorene Zeit kann daher nicht mehr aufgeholt werden.

Der altersmedizinische Ansatz

Die schnelle, multidimensionale und interdisziplinäre Behandlung älterer Demenzpatienten gehört zu den Kernaufgaben der Geriatrie. Geriatrie als medizinische Sozialdisziplin – so eine Definition der europäischen Fachärztevereinigung (www.uems.eu) – befasst sich mit den physischen, psychischen, funktionellen und sozialen Aspekten der Betreuung und mit klinischen Entscheidungen bei älteren Menschen. Die Geriatrie als eingenständiges Fachgebiet hat drei altersmedizinische Hauptaufträge:

I. Identifizierung und Förderung der funktionellen Ressourcen der fragilen Patienten

II. Erhalt der Alltagskompetenz (Selbsthilfe, Autonomie) unter Vermeidung dauerhafter Pflegebedürftigkeit

III. Erhalt und Herstellen von Lebensqualität und Wohlbefinden durch die Förderung sozialer, physischer und psychischen Ressourcen.

Diese drei Aufgaben werden bei älteren, multimorbiden und vulnerablen Demenzpatienten durch einen multidimensionalen altersmedizinischen Ansatz erfüllt. Der Dreh- und Angelpunkt der geriatrischen Methodik ist das multidimensionale Assessment (Comprehensive Geriatric Assessment, CGA) (Tarazona-Santabalbina and Rubenstein, 2014). Diese Batterie mehrdimensional ausgrichteter Instrumente erfasst zuverlässig funktionelle, kognitive, emotionale und soziale Ressourcen älterer Patienten. Auf Basis dieser Asessmentergebisse wird ein individueller multidisziplinär ausgerichteter und Versorgungsplans erstellt und durch das multiprofessionelle geriatrische Team umgesetzt (Tarazona-Santabalbina and Rubenstein, 2014; Hazzard, 2004). Das CGA ist mittlerweile auf einem hohen Evidenzniveau zur medizinischen Evaluation älterer Patienten validiert (u.a. Ellis et al., Cochrane Review 2011). Mit Hilfe des CGA können folgende zentrale Ziele erreicht werden:

I. Verbesserung der Diagnostik von Ressourcen und Defiziten sowie dadurch Optimierung von Funktionalität und Wohlbefinden der Patienten

II. Minderung wichtiger patientenrelevanter Qualitätsindikatoren wie Hospitalisierungsrate, Rehospitalisierungsrate, Institutionalisierungsrate, Länge der Hospitalisierung, Polypharmazie, und Mortalität

III. Erkennen lebensbedrohlicher Konditionen und geriatrischer Syndrome wie Inkontinenz, Instabilität, Sturzrisiko, Immobilität und Mangelernährung.

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Prof. Dr. Dr. M. Cristina Polidori
Leiterin Schwerpunkt Klinische Altersforschung
Klinik II für Innere Medizin, Uniklinik Köln

Herderstr. 52, 4E
D-50937 Köln

Tel +49 221 478 32753
Fax +49 221 478 86710

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